Persönliche Erfahrungen – jenseits des Jakobswegs

Die Tradition des Pilgerns ist Jahrtausende-alt. In unserer Kultur ist das Interesse daran in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen, gerade auch bei Menschen, für die die spirituelle Dimension nicht unbedingt im Vordergrund steht. Das populäre Buch von Hape Kerkeling („Ich bin dann mal weg“) zeugt von dem „Boom“, der besonders das Jakobsweg-Pilgern nach Santiago de Compostela betrifft.

Pilgern besitzt diese spirituelle Dimension immer. Das ist der bedeutsame Unterschied zum Wandern. Und viele Menschen, die wie Kerkeling den Weg nach Compostela als Wanderer angetreten sind, haben doch ihre persönliche Erfahrung mit „Gott“ (oder wie wir das nennen, was uns in unserer menschlichen Existenz übersteigt) gemacht.

Pilgern ist wie eine andauernde Achtsamkeitsmeditation im Unterwegs-Sein und es ist gleichzeitig eine Metapher für das Unterwegs-Sein im Leben. Wir sind eine gewählte Zeitspanne unterwegs, eher alleine, langsam, einfach, ohne ablenkenden Komfort, offen für die gegenwärtige Erfahrung, und in einer hoffnungsvollen Unsicherheit, die Voraussetzung ist für Erkenntnis. Auch das teilt Pilgern mit bestimmten Formen der Meditationspraxis. Ergebnis kann sein, dass wir „in Frieden kommen“ mit manchen Zweifeln und Konflikten des Lebens. Diese können tiefgehend und existentiell sein und uns für Formen der Bewältigung öffnen, die das Alltägliche weit überschreiten.

Meine erste große Pilgerreise habe ich im Jahr 2019 unternommen, um mich mit dem Thema meines „Alt-Werdens“ auseinanderzusetzen. Ich bin damals 650 km von meinem Lebensmittelpunkt Hildesheim über wichtige biografische Stationen (Kloster Gerode gehörte auch dazu) in meine oberbayrische Heimat gepilgert. Ich hatte erst kurz davor „zufällig“ bemerkt, dass ein Jahrhunderte-alter Zubringer des Jakobswegs („Via Scandinavica“) nur 200 m von unserem Haus in Hildesheim entfernt verläuft. Diesem bin ich in Teilen gefolgt.

Die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse dieser Reise sind zu intim, um sie an dieser Stelle zu veröffentlichen. Soviel soll aber gesagt sein: Es sind tiefe und anhaltende Eindrücke entstanden, die Richtung in diesen wichtigen Übergang meines Lebens gebracht haben. Der große Humanistische Psychologe Abraham Maslow nennt das „Gipfelerlebnisse“. Die starken inneren Bilder bleiben in mir lebendig und mein Vertrauen in die Stimmigkeit des Lebens ist gewachsen, auch und gerade da, wo es beschwerlicher wird.

Ich habe seither in mehreren Seminaren und Retreats Pilgertage angeleitet; auch diese Kurzformen können erlebbar machen, welche Impulse für die Bewusstheit auf unserem spirituellen Lebensweg das Pilgern anzubieten hat und wie wir so für „Gipfelerlebnisse“ offen sein können.

Die Pilgerreise ab dem 8. April liegt wie ein leeres Buch vor mir. Vielleicht schreiben wir einige Zeilen oder Kapitel gemeinsam?